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Eden Now, Galerie Andreas Binder, München, 08.02.-07.04.2018

Unter dem Titel EDEN NOW präsentiert die Galerie Andreas Binder Gemälde, Fotoarbeiten und Skulpturen zeitgenössischer Künstler, die Zeit und Kontext bedingte Vorstellungen des Paradieses widerspiegeln. Florale- und Landschaftsmotive fügen sich im konstruierten Raum zu einem einheitlichen Bild Edens zusammen und enthüllen so die tief im Menschen verankerte Sehnsucht nach einem Leben in Harmonie mit der Natur.
Dabei ist die Geschichte des Garten Edens seit jeher anachronistisch und paradox. In vielen Religionen ist das Paradies sowohl der Anbeginn der Schöpfung als auch das Ende des diesseitigen Daseins. Gleichzeitig rückte mit der Zivilisation die Schönheit des domestizierten Gartens, alsbald die unkontrollierbaren Naturmächte gezähmt und die Primärbedürfnisse des sesshaft gewordenen Menschen befriedigt waren, in den Vordergrund. Als Welten zwischen göttlicher und menschlicher Natur stehen sie jedoch stets bildhaft für vollkommenes Glück.
Und dennoch unterliegt die Rezeption des mythischen Garten Edens in der bildenden Kunst historisch bedingten inhaltlichen und ästhetischen Veränderungen.
Haftete dem Garten nach dem 2. Weltkrieg stets das Etikett eines kleinbürgerlichen Pseudo-Idylls an, so wurde auch das Motiv der Blume in der Kunst aufgrund seiner vermeintlich belanglosen, harmlosen Schönheit vermieden. Der Abbildung einer nur an der Oberfläche heilen Welt begegneten die Künstler der Avantgarde mit der Weigerung zur figürlichen Darstellung und einer Verneinung der Ausdrucksfähigkeit der Sprache. Parallel dazu fand eine populäre Ästhetik der Harmlosigkeit und des Kitschs immer mehr Zuspruch in der Gesellschaft. Eine nur langsam voranschreitende Auflösung dieser sozio-kulturellen, distinktiven Spaltung zwischen höheren und niederen Kunstformen lässt sich erstmalig in der bewusst auf abstrakte, intellektuelle Kunst re-agierenden PopArt beobachten. So greift Andy Warhol in seiner Flowers-Serie das Motiv der Blume in seiner ganzen Figürlichkeit auf und entsinnlicht es auf ironische Weise und in einer Werbe-Ästhetik vollends.
Betrachtet man nun die in EDEN NOW ausgestellten Werke, wird schnell deutlich, dass seitdem ein erneuter Wandel in der Kunst stattgefunden hat. Figurative Landschaftsgemälde und florale Stillleben finden sich hier in Harmonie mit fotografischen Aufnahmen von Natur- und Tierwelten wieder. Sei es Anna Krammigs Detail einer Palme, Haiying Xus Blüten, das immer wiederkehrende Motiv der Seerose, u.a. bei Tim Maguire, Matthias Meyer und Thomas Stimm oder Stefan Hunsteins endlos wirkendes Sonnenblumenfeld: es scheint als habe ein Zeitalter, in dem in der Technik und der Kunst alles möglich ist, dazu geführt, die Schönheit in der Natur zu suchen und abzubilden. Diese Tendenz veranschaulichen auf differente Weise auch Jan Davidoffs und Yigal Ozeris Gemälde, die sich der wilden Natur des Dschungels als Sehnsuchtsort und Sinnbild eines paradiesischen Ur-Zustands jenseits der Zwänge der Zivilisation widmen. Gleichzeitig fällt bei der Betrachtung der Fotoarbeiten auf, dass die dokumentarische Wiedergabe der Naturzunehmend außerhalb des künstlerischen Fokus rückt. Ähnlich wie Adam und Eva mit der Vertreibung aus dem Paradies ihre Unschuld verloren haben, haben auch wir die Fähigkeit verloren, Bilder unvorbehalten betrachten zu können. Stets bestimmt unser Wissen und unsere Erfahrung, was wir sehen. Insofern können Izima Kaorus Fotoserie, in der Modelle als Leichen kunstvoll in Landschaften drapiert werden, Giovanni Castells digitale Fotocollagen, die die fiktiven Ruinen eines antiken Garten abbilden, Dieter Rehms Aufnahmen aus dem Museum of National History in New York oder Luzia Simons gescannte Pflanzen als Verweis auf die Manipulierbarkeit des Bildes verstanden werden. Gleichzeitig entwerfen sie das utopische Bild einer Welt, in der die Technik der natürlichen Vegetation, der Vergänglichkeit und dem Verfall ein Ende bereiten könnte. Fast wirkt es, als habe die Kunst, angesichts virtueller Scheinwelten und der allgegenwärtigen Beschleunigung aller Lebensbereiche, im antiavantgardistischen Motiv der Blume einen vermeintlich authentischen Ort der Paradiesnähe gefunden. Der Künstler wird dabei zum Erfüllungsgehilfen der unerfüllten Visionen des Garten Eden und zum kritischen Beobachter bioethischer, urbanistischer, technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen.
EDEN NOW wird so zur Projektionsfläche des tief im Menschen verwurzelten Wunsches nach einem Leben in Einheit mit der Natur und nach einer der Kunst, in der die sinnliche Schönheit der Natur wieder gesellschaftsfähig wird (Text: Leni Senger)

Gruppenausstellung Galerie Andreas Binder

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